Erschossen? – Erschossen! Ein Beitrag von Gerhard Luhn

Dieser Beitrag entstand durch einen Gesprächsabend der Arbeitsgruppe „Demokratie“ des Bürgerforums Radebeul. Dort wird das Thema weiterbearbeitet. Jeder, der hier gerne mittun möchte, ist herzlich eingeladen!

Für eilige Leser:

Die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts, die Herausforderungen der globalisierten Marktwirtschaft und dann noch der Prozess der deutschen Wiedervereinigung fordern eines in bis dato nicht dagewesener Weise heraus: Selbstverantwortlichkeit – und das in einem Umfeld nie dagewesener Freiheit und gleichzeitiger Bedrohung. Wir alle sind dadurch herausgefordert. Der Radebeuler Literat Jörg Bernig erlebt dabei im besonderen Maße und fast symbolisch die Herausforderung und Gefahr, eigenen Vorstellungen einen Vorzug vor neuen Herausforderungen zu geben. Für jeden von uns bergen neue Herausforderungen immer das Risiko unerwarteter und ungerechter Ereignisse. Wir alle – zumindest in Europa, und speziell nach der deutschen Wiedervereinigung – hatten allerdings das Glück, Zugang zu Wissen und damit zu unerhörter Freiheit finden zu dürfen. Im Spiel dieser Kräfte ist Jörg Bernig nun der Gefahr ausgesetzt, literarisches Wissen und vergangene Idiome zum Wunschbild echter Realität zu stilisieren, und sich damit einem Schlingenfeld unsichtbarer Doppelmoral auszusetzen. Kürzlich hat sich Bernig in einem Artikel im Cicero zu Wort gemeldet, der einen Katalog von Kränkungen offenbart. Ich möchte in dieser Replik weniger der Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Anschuldigungen nachgehen, als vielmehr eine Meinung zur Grundstruktur dieses Problems zu erläutern. Ich meine, dass unsere Gesellschaft insgesamt einer wachsenden Doppelmoral ausgesetzt ist, und dass Bernig – ohne es wahrscheinlich im Detail zu wissen – dasselbe Spiel spielt. Die Lösung könnte darin bestehen – in Absehung der persönlichen Dispute: diese sollten auch persönlich und nicht öffentlich geklärt werden – indem wir uns alle der Vehemenz der tatsächlichen Freiheit besinnen, die wir tatsächlich auch haben. Nicht umsonst haben Denker wie Karl Popper oder Jean Paul Sartre in Verarbeitung von zwei Weltkriegen dasjenige herausgearbeitet, was Freiheit als erstes produziert: nämlich Verlorenheit und Angst. Diese Angst ist heute in unterschiedlichsten Formen Realität, und es lohnt sich nicht wirklich, diese auf der Basis von sich anhäufenden gegenseitigen Denunziationen austragen zu wollen.

„Ist die Unfreiheit des Denkens und Redens ganz überwunden?“ fragt der Cicero vom 10.9.2019 mit Bezug zu einem Beitrag des Radebeuler Lyrikers Jörg Berning: https://www.cicero.de/kultur/mauerfall-ddr-brd-diktatur/plus

Wir haben heute mehr Freiheit als jemals zuvor auf diesem Planeten. Dennoch bringt uns diese Freiheit gleichzeitig auch Verlorenheit und Angst. Diese sind jedoch überwindbar, wenn wir uns gegenseitig verbinden.

Der 30jährige Jahrestag der Leipziger Demonstration vom 9. Oktober 1989 war Anlass zu teils schwarzmalenden Artikeln. Wie z.B. der Essay von Jörg Bernig im Cicero „Als wir nicht erschossen wurden“ (10. September 2019). Bernig schildert darin den Untergang seiner Hoffnung, die jene Nacht der Leipziger Demonstration bei ihm weckte, und benennt viele angebliche Schuldige eines imaginierten erneuten Untergangs. Nun lehrt Bernig selbst seit 2016 u.a. geflüchteten Kindern und Jugendlichen Deutsch als Zweitsprache. Er schreibt allerdings nichts davon, dass vielen Verwandten, Eltern, Geschwistern der Flüchtlingskinder eben genau dies widerfuhr und auch weiter widerfahren wird: Sie wurden erschossen.

Bernigs Fall ist ein Beispiel einer wachsenden Doppelmoral, die alle Gesellschaftsschichten durchzieht. Man spricht von Doppelmoral, wenn gleiches Handeln unterschiedlich bewertet wird. Konkret also, wenn „Erschießen“ einerseits als ungerecht und verwerflich, und andererseits als nicht einmal erwähnenswert bewertet wird.

Die Gründe für eine Doppelmoral sind dabei nicht nur in der jüngeren deutschen Geschichte, und auch nicht nur im Lebenslauf von Jörg Berning zu verorten. Sie sind auch Teil einer globalen Erscheinung: Eines sich im Zuge der Globalisierung ausbreitenden Neo-Liberalismus, im Verbund mit globalen Steuerungsinstrumenten neuer Firmen. Dabei verfolgen einige solcher Firmen wie Amazon und Google die Doktrin, die Bedürfnisse unseres kompletten Lebens im Voraus berechnen zu wollen, und punktgenau mit entsprechenden Dienstleitungen zu befriedigen (neue Patente bezeugen dies). Diese Doktrin lässt sich unter der Formel zusammenfassen: Alles gehorcht fix vorgegebenen „Naturgesetzen“ (auch menschliches Verhalten ist demnach lückenlos berechenbar). Zudem lehrt die Biologie immer noch: „Der Stärkere wird gewinnen“. Damit wird allerdings das „gewinnende Ego“ legalisiert und gleichzeitig ermächtigt, die Dinge auch getreu nach den eigenen Wünschen zu lenken. Die moderne Ökonomie hadert zwar teilweise mit dieser Doktrin, sie erfährt aber in vielen Kontinenten auf unterschiedliche Weise verstärkte Zustimmung. Wichtig dabei ist auch die Trennung von Person und Verantwortung, was ja beispielsweise die für normale Menschen nicht nachvollziehbaren Expansionsaktionen der Bayer Manger ermöglicht (das Monsanto Geschäft).

Dazu zählen aber auch Verhaltensweisen von „Musterdemokraten, Universitätsdoktoren, Fernsehintendanten“, aus den alten Bundesländern stammend, und Gebaren wie die von Bernig geschilderten im Osten der Republik praktizierend. Wahrscheinlich haben Bernigs Anschuldigungen allesamt eine starke perspektivische Schieflage. Insbesondere kann ich mir nicht vorstellen, dass die „in unsere Gemeinde gekommene junge Pfarrerin“ sich von Berning’s Frau abwandte, als die Pfarrerin realisierte, dass diese Frau Bernigs Frau ist. Der Lyriker weiß ja doch nur zu gut, dass gerade solche Situationen immer durch unterschiedliche Perspektiven und Wahrnehmungen entstehen, die sich oft in Gesprächen dann wieder in Luft auflösen. Dennoch gibt es aber bekannte und viele Beispiele für ungutes Verhalten, die allesamt auch einer wachsenden Egomanie zuzuordnen sind (s.o.).

Zusätzlich hat solches Verhalten in einer der Schlüsselwissenschaften der Neuzeit eine besondere Stellung: In der Neurowissenschaft. Auch die Neurowissenschaft steht wie viele andere Wissenschaften unter dem Einfluss eines seit gut 100 Jahren vorherrschenden deterministischen Weltbildes. Das bedeutet nichts anderes als: „alles wird durch fix vorgegebene Naturgesetze bestimmt“. Deshalb erlauben sich dann bekannte Neurowissenschaftler wie Wolf Singer und Gerhard Roth, kraft eigener Festlegung zu schlussfolgern, was dieses scheinbar rein mechanisch ablaufende neuronale Geschehen denn für menschliches Verhalten bedeute. Sie behaupten beispielsweise, dass die äußeren Umstände punktgenau präjudizieren, wie sich ein Mensch dann später verhalten wird. Dazu gibt es viele Veröffentlichungen und Diskussionen; besonders mit Bezug zur Rechtsprechung. Man spricht dann zwar generös den Straftätern Milde zu (da ihr Verhalten ja vorhersehbar sei), übersieht aber im gleichen Atemzug, dass man sich selbst zum universalen Gesetzgeber ernannt hat. Zugegeben – äußere Umstände haben einen großen Einfluss auf unser Tun und Lassen.

Fällt ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, dabei etwas auf? Erkennen sie die Doppelmoral dahinter? Zwar kann man trefflich darüber streiten, und ganze Forschungsinstitute mit der Aufgabe beschäftigen, der deterministischen Natur neuronaler Prozesse nachzuspüren. Bloß – vielleicht setzt man damit ja aufs falsche Pferd. Denn wer sagt denn beispielsweise, ob das Recht auf Asyl einem Naturgesetz folgt? Ist die Erfindung der Atomtechnik genauso auf widernatürliches Verhalten zurückführbar? Gibt es ein Naturgesetz, das ein Recht auf ein Grundeinkommen begründet? Oder die Gleichstellung von Mann und Frau, von Schwarz, Gelb, Weiß und Rot? Sind nicht die neuzeitlichen Helden des Ego-Kapitalismus wie Donald Trump hervorragende Beweise für Doppelmoral ? – In god we trust! Halt nein, so Bernig, nicht nur Gott. Denn auch ein „aufstrebender Islam“ greift nach der Macht. Denn: ist nicht alles dazu getan, von uns allen „Unterwerfung“ zu fordern (wie Bernig in Anspielung an Houellebecq‘s Roman „Unterwerfung“ schreibt)?

Das alles fühlen und erkennen bereits viele Menschen, und Bernig kennt natürlich etwa die kritische Frankfurter Schule, oder maßgebende Ausführungen von Karl Popper oder Jean-Paul Sartre. So hält letzterer jegliches vorschreibende („deontologische“) Moralsystem für verschwendetes Gedankengut. Denn der Mensch sei zu allererst eines: frei. Und die Erkenntnis seiner eigenen Freiheit kann den Menschen – uns alle immer wieder führen zu: Verlorenheit, Angst und Verzweiflung. Bernig‘s Text endet mit folgendem Satz: „Wir glaubten, wir hätten das hinter uns gelassen mit jenem großen Leipziger Schritt ins Freie am 9. Oktober 1989 – dem Tag, an dem wir nicht erschossen wurden.“ Verzweiflung und Verbitterung sind ihm in die Augen geschrieben.

Ich möchte insgesamt nicht über Bernigs moralisierende Anschuldigungen urteilen. Sie haben für mich, der ich Jörg Bernig kenne, den Odem einer Doppelmoral, die die tatsächlichen Opfer der von ihm unterrichteten Flüchtlingskinder mit selbst erlebten Kränkungen vertauscht. Diese Tendenz kannte ich allerdings bisher noch nicht. So kann ich hier nur einflechten, dass sehr viele Menschen durch den neo-liberalen Hang zur Doppelmoral „herausgefordert“ sind, um es positiv zu benennen.

Viele Menschen leisten hingegen Unglaubliches, um die Welt von morgen zu gestalten. Das geschieht beispielsweise in der Beschäftigung mit Geflüchteten, in der Ausbildung und im Unterricht mit Flüchtlingskindern. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer praktizieren hier das, was mit „Freiheit“ und „Verantwortung“ verbunden ist. So mag sich auch der Literat Berning daran erinnern, dass das Wort „Freiheit“ aus dem Germanischen „fri-halsa: jmd. dem sein Hals selbst gehört“ abstammt.

So haben wir alle, auch Bernig, jeden Tag aufs Neue die Chance, einen kleinen Anteil dafür zu tun, dass irgendwo auf dieser Welt jetzt eben gerade nicht ein weiterer Erdenbürger erschossen wird. Das Gute ist – wenn wir das wirklich wollen, wird es uns verändern. Gerald Hüther und ich haben dazu einen neuen Essay in Arbeit: „Wir sind nicht die, die wir sein werden.“ Koryphäen wie Nietzsche haben das bereits beschrieben. Andere Ursprünge gehen zurück bis zur Bibel, und noch weiter: „Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden“ (1. Johannes 3, 2).

Literatur: Luhn, G. und Hüther, G.: Unexpected applause for the human mind. Breaking the limits of deterministic approaches in neuroscience –  allowing us to become who we are. Inderscience 2019 (in print)